Hinsetzen, ruhig werden und Tee trinken

Der norddeutsche Schäfer und Heilkundler Philipp Heinrich Ast, genannt Schäfer Ast und nicht nur in seiner Zeit bekannt als der Mann, „der durch Tees und durch starken seelischen Einfluss auf Kranke wirkte” prägte auch den Satz „Abwarten und Tee trinken”. Das passt zu den Norddeutschen, denn vor allem direkt an der Küste kennen vom Wetter gebeutelte Menschen nichts Schöneres als die wärmende Wirkung des schwarzen Tees. Wenn der Tee dann noch durch einen ordentlichen Schluck Rum verstärkt wird, kann es bei etwas zu viel sein, dass man halt „einen im Tee” hat.

Der preußische Offizier und Gastrosoph Friedrich Christian Eugen Baron von Vaerst dachte öffentlich über Teeduft und -luft nach und nahm dabei niederländische Käse- und Fischkaufleute aufs Korn: „Der Teeduft schmeichelt den Sinnen auf gefälligste Weise und erfüllt die Seele mit Heiterkeit. Und nur ein holländischer Käsehändler, der für nichts enthusiasmiert ist, als für den Geruch seines Edamer und seiner Heringsschwänze, kann ohne Begeisterung diese Teeluft genießen

Winston Churchill meinte hinsichtlich seiner Tee-Vorlieben: „Ich habe den Tee lieber kalt und gelb”. Man kann seinen Tee auch Whisky nennen und wer den englischen Tee kennt, kann ihn auch verstehen.

Was ist denn nun eigentlich Tee?

Tee ist weltweit das am häufigsten konsumierte Getränk (nur Wasser wird in größeren Mengen getrunken). In Deutschland wird so ziemlich alles als Tee bezeichnet, was mit heißem Wasser aufgegossen werden kann. Dazu gehören auch Beeren aller Art, Äpfel, Birnen, Pflaumen oder sonstige Früchte, wie Mango, Orangen, Zitronen oder auch Bananen, meist müssen hierfür auch Aromastoffe verwendet werden.

Um das ein für allemal klarzustellen: das ist absolut falsch, denn nur das Getränk, aufgebrüht aus den Blättern der Teepflanzen Assam, Darjeeling und Co, ist echter Tee.

Die Teepflanze hört auf den wunderschönen, latainischen Namen Camellia sinensis und nur Ihre Blätter sind dann auch wirklich echter Tee. Sämtliche anderen sind heiße Aufgüsse von Früchten, Kräutern oder Pflanzenteilen und müssen als „teeähnliches Erzeugnis” bezeichnet werden.

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Man kann echten Tee auch sehr schnell eingrenzen. Grüner, schwarzer und weißer Tee, sowie Oolong und Pu-Erh stammen allesamt aus den Blättern der Teepflanze und sind somit echter Tee.


Dem Himmel sei Dank, daß ich erst geboren wurde,
als man schon mit dem Teetrinken angefangen hatte.
Sydney Smith (1771-1845)
Und was ist jetzt Ostfriesentee?

Der Ostfriesentee ist eine spezielle, kräftige Teemischung aus Ostfriesland, sie besteht aus bis zu zwanzig Schwarzteesorten, vor allem aus Assamtee. Aber auch Tee aus Sri Lanka und Afrika sowie Java-, Sumatra- und Darjeelingsorten werden dazu gemischt.

Globe Aber in der Hauptsache kommt der Tee für die Ostfriesen aus der indischen Region. Der Assam Tee wird im Nordosten von Indien entlang des Flusses Brahmaputra in der heißen Hochebene von Assam angebaut. Die Region von Assam hat 2.000 Teeplantagen.

Tee Am südlichen Berghang des Himalayas wachsen die Teesträucher des Darjeelings. Das drittgrößte Teeanbaugebiet liegt im Südwesten im hügeligen Hochland der Provinzen Karnataka, Kerala und Tamil Nadu. Dort wird auf der Höhe zwischen 800 Metern und 2200 Metern der Nilgiri Tee angebaut und es existieren circa 20.000 Teegärten, die nicht größer als 10 Hektar sind. Diese werden ausschließlich von den Kleinbauern bewirtschaftet.

Üblicherweise wird nur Tee, der in Ostfriesland gemischt worden ist, als Echter Ostfriesentee bezeichnet. Der Echte Ostfriesentee wird aus über 20 verschiedenen Teesorten gemischt, da nur die Komposition aus vielen Sorten eine gleichbleibend hohe Qualität ergibt und auf diese Weise geringfügige Qualitätsschwankungen der Einzelkomponenten (Tee-Partien) ausgeglichen werden.

Aber zum Ostfriesen und seinem Tee kommen wir später noch mal, auf der nächsten Seite erstmal etwas zur Legende vom Tee.

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Legende vom Tee!

Schon 4.000 Jahre v. Chr. wurde im damaligen China das Wasser nur abgekocht getrunken. Dieses Wasser wurde mit pflanzlichen Zusätzen aromatisiert, des Genusses wegen, nicht der Hygiene.Tee Eine der Legenden um den Tee sagt, dass der chinesische Kaiser Shennong den Genuss des Tees entdeckte, als eines Tages Blätter von einem Strauch des Palastgartens in das kaiserliche Trinkwasser fielen, sich das Wasser goldbraun verfärbte und einen wunderbare herben Geschmack entwickelte.

Hinter dem bis dahin unbekannten Gewächs verbarg sich ein Teestrauch. Es entstanden Teegärten, in denen heute noch der Tee von Hand gepflückt und verarbeitet wird. Der erste chinesische Tee soll in Szechuan angebaut worden sein.

Eine weitere Legende um die Herkunft des Tees kommt aus Indien. Der Fakir Dharma plante, sich sieben Jahre lang ohne Schlaf dem buddhistischen Glauben hinzugeben.

Tee

Natürlich wurde er irgendwann von einer unglaublichen Müdigkeit überfallen. Er pflückte einige Blätter von einem ihm noch unbekannten Strauch in der Hoffnung durch das Kauen dieser Blätter wach zu bleiben und tatsächlich verflog die Müdigkeit. Ob der Fakir Dharma sein Vorhaben zu Ende führen konnte, ist nicht überliefert, das diese Blätter vom Teestrauch stammten, schon.

Soweit zu den Legenden, jetzt zu den..

Ostfriesen und ihrem Tee

Obwohl die Ostfriesen noch nicht einmal 2 % der Bevölkerung der Bundesrepublik stellen, werden in Ostfriesland 25 % des gesamten deutschen Teeimports verbraucht. Der Verbrauch pro Kopf beträgt pro Jahr 3,5 kg (zum Vergleich: im übrigen Bundesgebiet ca. 200 Gramm).

Ostfriesland wird somit zu Recht als Land der Teetrinker bezeichnet. Im weltweiten Ranking liegen die Ostfriesen unangefochten auf Platz 1 und es wird auch noch lange so bleiben.

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So trinkt man/frau pro Jahr und Kopf in:

Tee

Ostfriesland: ➟ 321 Liter

Tee

Türkei: ➟ 283 Liter

Tee

Afghanistan: ➟ 279 Liter

Tee

Libyen: ➟ 275 Liter

Tee

Irland: ➟ 250 Liter

Tee

England: ➟ 201 Liter

Tee

Japan: ➟ 86 Liter

Tee

China: ➟ 51 Liter

Tee

Indien: ➟ 29 Liter

Tee

(Rest) Deutschland: ➟ 28 Liter

Die Zahlen sind aus »Statista Markt- und Konsumentendaten« und beziehen sich auf echten Tee, nicht auf Kräuter- und Früchte(tees).

Interessant dabei ist, dass das angeblich „klassische” Tee-Land England noch abgeschlagen hinter Irland liegt. Gehört eventuell die Mär vom Nationalgetränk der Engländer auch zu den Legenden des Tees?

Aber weiter mit den Ostfriesen. Wenn im Zusammenhang mit der Entstehung der Teekultur von Ostfriesland geschrieben und gesprochen wird, ist von einem Ostfriesland vor 1700 die Rede. Tee Das ganze freie Ostfriesland setzte sich aus vielen einzelnen Frieslanden zusammen, als autonome Landesgemeinden regiert und verwaltet und noch weit vom Absolutismus entfernt. Deshalb entwickelte sich die „Teekultur” unterschiedlich, in den nordwestlichen Landen eher und schneller als zum hanseatischen Teil hin. Das soll es hierzu gewesen sein, nur soviel noch, die Ostfriesen haben die die Forderung der französischen Revolution nach liberté (Freiheit) richtig verstanden:

» Lieber Tee! «

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Bis weit in das 18. Jahrhundert gehörte das Bier zu den Grundnahrungsmitteln in Mitteleuropa. Es war ein nahrhaftes Getränk und versorgte die körperlich arbeitende Schicht mit ausreichend Energie (auch Kalorien genannt). Der Geschmack des Gebräus hing (und hängt auch noch heute) wesentlich vom verwandten Wasser ab. Das Moorwasser in Ostfriesland war eigentlich sehr ungeeignet. Tiefbrunnen wie später in Jever gab es noch nicht und so wurde vielen ostfriesische Brauereien zwar preiswertes, aber eher minderwertiges Bier gebraut. Gutes Bier musste für teures Geld aus Hamburg und Bremen importiert werden.

Die Kaufleute aus Friesland und Groningen, ab etwa 1605 zur Vereenigde Oostindische Compagnie gehörend,Tee erkoren die Hafenstadt Emden zu einem ihrer Stützpunkte und brachten hier ihre Waren nach Europa. Emden wurde dadurch um 1569 zur ersten Reedereistadt Europas und ostfriesische Seeleute befuhren jetzt die Weltmeere und trieben regen Handel.

Es florierte das Geschäft mit Gewürzen, Baumwolle und Kaffee. Porzellan diente in erster Linie als Stabilisierungsfaktor der Segler und Tee war ein Mitbringsel ohne wirtschaftliche Bedeutung.

Wann und wodurch sich das änderte und der Tee eine Bedeutung bekam liegt im Dunklen. Zwar in vielen Untersuchungen beleuchtet, aber in Wirklichkeit .... Es mag damit zusammenhängen, das das Nahrungsangebot der Bevölkerung vielfältiger und die Energie nicht mehr durch Grütze, Brei und Bier zugeführt wurde. Auch hielt die Kirche die Bevölkerung immer wieder an, vom Alkohol abzulassen. Die Ostfriesen galten als sehr trinkfest, der ostfriesische Gelehrte Dr. Henricus Ubbius schrieb etwa 1530 einem italienischen Freund: „Die Frauen sind schön, zum Teil aber dem Trunk ergeben und oft sogar schwer berauscht von dem Hamburger Bier.”

…
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Doch zurück zum Tee.

1683 wurde Emden der Sitz der „Preußisch-Asiatischen Handelskompanie” Teeund diese betrieben Handel zusammen mit den Friesen und jetzt auch den Engländern. 1753 startete die Kompanie den ersten Direktimport. Nach 16 Monaten Fahrt landete das nach China entsandte Schiff „König von Preussen” mit 550.000 Pfund Tee an Bord im Hafen von Emden.

Tee Danach häufen sich in den alten Frachtpapieren die Hinweise auf Kaffee und vor allem auf Tee. Auf grünen Tee aus China, Haysan etwa, da die ostfriesischen Kaufleute sehr intensive Handelsbeziehungen mit China pflegten.

Der schwarze Tee aus China, zum Beispiel ein Pecco, ein Souchong oder ein Congo waren noch nicht so nachgefragt, sei es des Geschmacks wegen oder auch der Farbe. Man/frau war doch noch sehr mißtrauisch, was den Tee, den schwarzen Tee anging.

Denn schwarzer Tee erinnerte doch viele an das Trinkwasser aus mangelhaft abgedichteten Brunnen. Johann Haddinga schreibt, dass durch die „Verschmutzung des Wassers durch tierische und pflanzliche Relikte” das Trinkwasser oft muffig gerochen, schmutzig ausgesehen, salzig und bitter geschmeckt habe.

Der Tee war inzwischen fester Bestandteil des täglichen Lebens in Ostfriesland. Aber es bedeutete auch das Sterben der vielen kleinen Brauereien. Gemeinsam mit einigen Beamten am preußischen Hofe (ab 1744 gehörte Ostfriesland politisch zu Preußen), heckte man einen Plan aus und so sprach der „Alte Fritz” am 20. Mai 1777 ein generelles Tee-Verbot aus. Aber die Ostfriesen wollten sich ihre täglichen Teestunden nicht verbieten lassen. Als die Stände erfuhren was gespielt wurde, gab es ein Bündnis mit den Vertretern der Städte und Bauern gegen die Schikane des Königs. Nach zwei Jahren andauernden Streits erhielten die Ostfriesen ihr Recht auf ihren täglichen Teegenuss zurück.

Der Brauch der Teezeremonie war bereits zu tief in der Kultur verwurzelt, als dass man den Teetrinkern ihrer Gewohnheiten hätte berauben dürfen. Auch bestand für die Stände die Gefahr des Abwanderns ihrer Kräfte in die Niederlande.

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Zur Teezeremonie später mehr, aber wie kam es zu dem Schwenk vom grünen Tee aus China zum schwarzen Tee aus den indischen Regionen?

Es geht auch anders - neu?

Im Jahr 1823 wurden in Assam wild wachsende Teesträucher entdeckt. Bis dahin war man der Meinung, Tee wachse ausschließlich in China und Japan. Etwa 1830 bestätigte der Botanische Garten von Kalkutta, Teedass es sich um eine Unterart des aus China bekannten Teestrauchs Camelia sinensis handelt. Daraufhin holte man Teegärtner und Teesamen aus China nach Assam. Traditionell angebaut und geerntet stellte sich heraus, dass eine Kreuzung aus chinesischen und wilden einheimischen Teesträuchern die besten Erträge lieferte.

Ende 1780 hatte England eine Wirtschaftsblockade über die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen (Vorläufer der Niederlande) verhängt. Das führte dazu, das viele betroffene Kaufleute Bürgerrechte in den Hafenstädten Ostfrieslands erwarben.

300 holländische Handelsschiffe wurden umgeflaggt und löschten ihre Waren nun in Emden und anderen ostfriesischen Hafenstädten. Auch deutsche Kaufleute wie der Bremer Reeder Carl Philipp Cassel ließen von Emden aus Schiffe auf Ostindienfahrt gehen und profitierten damit vom Handel mit Ostindien,Tee insbesondere mit Batavia und Assam. Grüner Tee aus China kam über den Landweg nach Batavia und wurde an den Engländern vorbei nach Ostfriesland geholt und immer mehr Tee aus Assam, der nicht nur ergiebiger war, sondern auch nicht so empfindlich auf dem Transport.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Handelsbeziehungen mit China immer schwieriger. Die Deutschen wollten sich zwar den englischen Wirtschaftsmechanismus nicht aufzwingen lassen, waren aber dadurch, dass der „Wiener Kongress” bekanntlich einen deutschen Nationalstaat verhindert hatte, im freien Handel dem Vereinigten Königreich nicht gewachsen.

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China hatte großen Bedarf an Blei, Zinn, Kupfer, Woll- bzw. Baumwollwaren und Silber und legte keinen Wert auf Fertigprodukte, schon gar nicht aus England. Die Englischen Kaufleute hatten für den chinesischen Markt nicht mehr soviel anzubieten, der Tee wurde knapp.

Es gab aber in China einen großen Schwarzmarkt für Opium, das in Indien billig produziert werden konnte. Trotz Verbots der Chinesen verkaufte die „East India Company” 1837 in China Opium im Wert von 11 Millionen Pfund an die Povinzfürtsen und andere Schwarzhändler und löste damit den Opium-Krieg (1840-1842) aus, der Ausgang ist bekannt.

Die Regierung des Vereinigten Königreiches versuchte ihr Handelsmonopol zu halten, war aber geschwächt durch den verlorenen Kolonialkrieg und das Desaster um die Kapkolonie, die Kontrolle der Handelswege von Kapstadt aus kostete nur Geld, musste erkennen, dass die Versorgung des Muttelandes nur durch die eigenen Schiffe nicht mehr möglich war. Daher war das englische Parlament 1849 gezwungen, den „Navigation Act”, nach dem Waren aus Übersee nach Großbritannien nur auf englischen Schiffen eingeführt werden durften, abzuschaffen.

Das betraf auch den Tee, dieses Monopol hatten sie auch verloren. Die Engländer hatten zwar seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts die wilde Thea Assamica im Nordosten Indiens kultiviert und große Teeplantagen angelegt, aber der Handel lief jetzt auch über viele andere Wege.

In Ostfriesland hatten sich schon vorher Teehändler mit Weitsicht einen Markt gesichert, Mut zum Risiko und eine feine Nase für die Kundenwünsche zahten sich aus, denn sie sind bis heute am Markt geblieben.

Es waren Händler, deren Namen heute noch jeder kennt, Johann Bünting und Weert Klopp, Carl Thiele und Peter Freese und einige mehr, Tee die einen Kolonialwarenhandel mit Tee, Kaffee, Tabak und Gewürze gründeten. Beim Tee setzten sie weitsichtig den Schwerpunkt auf den schwarzen Assam, importierten aber auch aus Darjeeling, Batavia, Ceylon, Java, Sumatra und mehr. Wenig bekannt ist der Sanjang von der koreanischen Halbinsel, der aufwendig verarbeitet wird – nach einem Verfahren, das konfuzianische Mönche einst entwickelten.

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Tee Dieser Tee war lange nur über die ostfriesischen Händler zu beziehen.

Die Gründer und ihre Nachfahren waren auf jeder Auktion in Amsterdam und London zu finden, selbst Fahrten zum Wuyi-Gebirge (Fujian), scheuten sie nicht, hier gab es den kostbaren Oolong. Die meisten Teehäuser gibt es heute noch.

Vom Luxusartikel zum Genuss für alle

Die Ostfriesen nahmen den schwarzen Tee sehr schnell an, denn dieser Tee harmonierte mit dem weichen Moorwasser und wie man weiß, ist gerade das Wasser eine Grundlage für den Geschmack. Die ländliche Bevölkerung hatte auch noch den Vorteil, dass durch die Kühe immer genug Sahne, besser gesagt Rahm im Hause war und so konnte man sich den Luxus leisten, den Tee mit Sahne zu genießen. Mit Kandis und Sahne war der Tee zusammen mit einem Stück Brot mit Butter ein komplettes Frühstück.

Es war und ist für den Ostfriesen eine Qualitätsfrage, da sind sie mehr als pingelig. Und die Frage „Beutel oder Nichtbeutel” ruft mancherorts blankes Entsetzen hervor, wie kann man denn Teebeutel verwenden. Denn durch Teebeutel wird kein Tee verbessert, weil das Teebeutelmaterial auch unerwünschten Beigeschmack abgeben kann!

Kenner, wie die Ostfriesen, bevorzugen daher nach wie vor den freien Aufguss und nehmen dafür gerne eine gewisse Mehrarbeit in Kauf.

Dazu muss man jetzt einiges über den Teebeutel wissen:

Das Teebeutel-Prinzip ist seit dem Mittelalter bekannt, wo zur Einbringung von Arzneidrogen ein „Kräutersäckchen” (sacculus medicinalis ) aus Leinen in Medizinalweine genutzt wurde. Den Teebeutel erfand irgendwann ausgehend des 19. Jahrhunderts der amerikanische Teehändler Thomas Sullivan.

Tees wurden damals in großen und teuren Blechdosen verschickt und um das zu umgehen, füllte Sullivan seine Ware in kleine, platzsparende Seidenbeutel ab. Die Kunden nutzten die kleinen Beutel, indem sie sie ganz in das Wasser eintauchten, in dem Glauben, dass dies so von Sullivan vorgesehen sei.

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So sparte man sich die Prozedur des Abseihens und Umfüllens des Tees in eine zweite Kanne. Es konnten aber auch Zusatzstoffe wie minderwertige Kräuter oder feinkrümeligen Abfall, um die Kosten zu senken eingefüllt werden.

Der Brite John Horniman verklebte seine aus Papier bestehenden Teebeutel mit Leim und garantierte die Qualität des Inhalts. Aber mit Klebstoff verklebte Papiertüten machten den Tee pappig, Baumwolle mit Klebstoff machte ihn muffig. Das war auch nicht das Wahre.

Weiter ist anzumerken: ein Teil des Tees in den Anbaugebieten wird mit Erntemaschinen geerntet. Hier ist keine Unterscheidung zwischen den Teeblättern und Stielen mehr möglich, es kommt alles zur Verarbeitung. Dies geschieht dann nach der CTC-Methode, Crushing (zerdrücken), Tearing (zerreißen), Curling (rollen). Nach dem Welken und kurzem Rollen wird der Tee mit Walzen in kleine homogene Blattstückchen zerteilt, das erspart eine längere Fermentationsdauer, vereinfacht die Siebung und erhöht die Ausbeute der Tee-Ernte, allerdings mit Stumpf und Stiel. Dieser Tee ist ausschließlich in Teebeuteln zu erhalten.

Traditionell werden die Teeblätter handgepflückt, ohne die Stiele, bei gleichzeitiger Pflege der Sträucher. Die Blätter werden dann in fünf Verarbeitungsschritten nach einer orthodoxen Methode weiterverarbeitet:

Welken: Die gepflückten Teeblätter werden zum Welken ausgebreitet, wobei sie rund 30 % Wasser verlieren. Die Blätter werden dadurch geschmeidiger und weicher und lassen sich leichter weiterverarbeiten.

Rollen: Beim Rollen werden die Zellwände der noch grünen Blätter mit Hilfe von Rollwalzen aufgebrochen und zelleigene Enzyme freigesetzt. Der austretende Zellsaft reagiert mit dem Luftsauerstoff und die Fermentation setzt ein.

Fermentation: Durch die Fermentation (Oxidation) nehmen die Blätter ihre kupferartige Farbe an und entfalten ihr charakteristisches Aroma. Der herbe Geschmack der Teeblätter, der vorrangig auf die Polyphenole (sekundäre Pflanzenstoffe) im Teeblatt zurückzuführen ist, wird gemildert.

Trocknen: Durch die Zufuhr heißer Luft mit 90-95 °C wird die Fermentation beendet. Die Teeblätter verlieren weiter an Feuchtigkeit und werden so haltbar gemacht. Beim Trocknen entsteht die charakteristische dunkle Farbe des schwarzen Tees.

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Sortieren: Die abschließende Sortierung des fertigen Tees nach Größe der Blätter erfolgt mit Hilfe von Rüttelsieben in verschiedenen Größen.

Anmerkung: Werden die Blätter direkt nach dem Trocknen gedämpft (z.B. in Japan) oder geröstet (in China), wird die Fermentation verhindert. Der Tee wird dann nur gerollt, getrocknet und sortiert. Das Teeblatt behält so seine grüne Farbe und den charakteristisch-herben Geschmack und als grüner Tee verkauft.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Tee in mächtige Holzkisten verpackt. Jene schweren und massiven Behältnisse wurden mit Bleifolie ausgekleidet und um die Feuchtigkeit abzuhalten mit in Bambusmatten gewickeltes Papier sowie Firnis ausgekleidet.Tee

1905 erfand ein Inder in Kalkutta das Sperrholz, welches man von da an für die Herstellung von Teekisten verwendete. Die wurden dann mit Aluminiumfolie und ein bis zwei Lagen Pergamentpapier ausgelegt, so dass von einer aromasicheren Verpackung gesprochen werden konnte. Die Kanten waren mit Blech beschlagen, um eine höhere Festigkeit zu erzielen und den Inhalt vor Feuchte und Fremdgeruch zu schützen.

Heute wird der Tee absolut unromatisch in aromadichten Säcken verpackt und versandt, inzwischen schon „klimaneutral”.

Jetzt aber zurück in die ostfriesischen Landen

Der Ostfriese hat das Teetrinken auch als Abgrenzung zum großbürgerlichen „Besuchstee” gesehen, es war ein Kriterium, an dem man die Gastfreundlichkeit der Ostfriesen messen konnte.

In Ostfriesland ist es Tradition, einem Gast bei seiner Ankunft eine Tasse Tee anzubieten. Hierbei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Familienmitglied oder einen alten Bekannten handelt, der für einige Tage zu Besuch kommt oder um einen bisher noch unbekannten Gast, der unangekündigt und plötzlich an der Tür steht. Teetrinken verkörpert Geselligkeit und Gelassenheit.

Die Ostfriesen wären natürlich keine Ostfriesen, wenn sie den Teegenuss nicht perfektioniert hätten. Darum entwickelten sie die inzwischen weltberühmte „ostfriesische Teezermonie”.

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Ostfriesische Teezeremonie

Die „ostfriesische Teezeremonie” wird auch heute noch praktiziert. Ein Stück des großen Kandis, der Kluntje, wird in die Teetasse gelegt. Tee Darüber wird der kräftige, heiße ostfriesische Tee gegossen. Der Kandis zerspringt in kleinere Teile - es knackt und kracht in der Tasse, man sagt „de Kluntje kniddert” - und beginnt nun, den Tee langsam zu süßen.

Den Rahm oder die Sahne lässt man langsam mit einem speziellen Sahnelöffel oder über den Rücken des Teelöffels in die Tasse fließen, so dass sich eine Wolke bildet.Tee Wichtig ist, dabei nicht umzurühren, der Teelöffel auf der Untertasse hat eine andere Funktion. Beim Trinken genießt man den Tee sozusagen in Schichten. Zuerst die noch wenig gesüßte und mit wenig Sahne versetzte obere Schicht, denn diese liegt knapp unter der Oberfläche.

TeeDann folgt die mit Sahne durchsetzte Schicht, bei der man langsam auch die Wirkung des Kluntje schmeckt. Je weiter man sozusagen trinkt, desto süßer wird der Tee.

Dieses Ritual wird dreimal wiederholt, eine Teezeremonie entspricht drei Tassen Tee. Als Gast wäre es eine Unhöflichkeit der Gastgeberin die zweite oder dritte Tasse abzuschlagen. Wenn man meint, genug zu haben, sollte man allerdings nicht vergessen, den Löffel in die leere Tasse zu legen, nur dafür ist er da. Es ist aber kein Verbrechen, wenn am Ende mit dem Löffel der Rest „Kluntje” aus der Tasse genascht wird.

Vergisst man als Gast das mit dem Löffel, die Gastgeberin immer wieder nach schenken und wenn frischer Tee aufgebrüht werden müsste. Ansonsten kann es einem ergehen wie anno dazumal einem Pfarrer aus Norden, der den Brauch nicht kannte und schließlich nach 32 maligem Nachschenken völlig verzweifelt seine Tasse in die Hosentasche steckte.

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Wenn dann zu besonderen Gelegenheiten noch Teekuchen oder „Krintstuut” (Rosinenstuten) mit angeboten werden, ist dies eine besondere Wertschätzung.Tee

In Ostfriesland wird vor allem frühmorgens, dann vormittags gegen 11 Uhr, nachmittags gegen 15 Uhr, zum Abendessen und zum Tagesausklang nach 20 Uhr Tee getrunken. Aber in den ländlichen Gebieten steht - vor allem im Winter - den ganzen Tag eine Kanne Tee auf dem Stövchen.

Die Teestunde zum Tagesausklang hat aber noch eine andere Bedeutung: hier trifft man sich noch mal, um den vergangenen Tag vorbeiziehen zu lassen, jeden Ärger, jede Meinungsverschiedenheit auszuräumen und den nächste Tag schon mal vorsichtig zu planen. Wer als Junge oder Mädchen zum ersten Mal dabei sein darf, ist dann erwachsen.

Hier noch ein Hinweis für Nicht-Ostfriesen: Grundsätzlich ist es die Frau des Hauses, die als Gastgeberin den Tee ausschenkt. Ist sie verhindert, fällt dieses Amt ihrer Tochter bzw. der Schwiegertochter zu.

Die Person, die den Tee ausschenkt, füllt ihre Tasse zuerst. Dies ist nicht unhöflich, da ja der ideale Ziehgrad an der Färbung des Tees abgelesen werden muss.

Die Tasse Ostfriesentee entspannt oder belebt, gibt Kraft oder Trost, wärmt oder erfrischt – gerade so, wie man es eben braucht. Aber immer in Ruhe, man muss sich Zeit für die Teezeit, oder friesisch Teetied nehmen. Wo der Tee zelebriert wird, beginnt die Gemütlichkeit. Im Sommer und im Winter, alltags und zu feierlichen Anlässen. Den kulturellen Wert und die meditativen Aspekte des Teetrinkens in Ostfriesland kennen nicht nur die Ostfriesen: Im Jahr 2017 wurde die ostfriesische Teezeremonie in die UNESCO Liste der immateriellen Kulturgüter aufgenommen.

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